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Irene Knaub
°F Inside

Neue Impulse aus dem KRAFTRAUM MITTELSTAND – Episode 13

Drei Firmen. Drei Jahre. 30 Jahre alt. – Wie externe Unternehmensnachfolge wirklich funktioniert

Was braucht man, um ein Unternehmen zu übernehmen? Kapital? Jahrzehnte Erfahrung? Einen MBA? Vincent Lowag hatte nichts davon. Und hat es trotzdem dreimal gemacht. In weniger als drei Jahren.

In Folge 13 des Kraftraum Mittelstand sprechen Irene Knaub und Markus Lievenbrück mit Vincent Lowag, gelerntem Industriemechaniker und geschäftsführendem Gesellschafter einer Holding mit drei Metallverarbeitungsbetrieben, über ein Thema, das im deutschen Mittelstand gerade brennt und viel zu selten offen diskutiert wird: externe Unternehmensnachfolge. Vincents These ist so einfach wie radikal: Einfach machen. Wer wartet, bis er alles weiß, wartet zu lang.

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Themen der Folge


➡️ Externe Nachfolge ohne Netz und doppelten Boden: Wie Vincent seine erste Firma gefunden und übernommen hat

➡️ Finanzierung ohne Eigenkapital: Businessplan, Bürgschaftsbank und Verkäuferdarlehen als Schlüssel

➡️ Naivität als Vorteil: Warum das Nicht-Wissen manchmal mehr hilft als jahrelange Erfahrung

➡️ Mitarbeitende in der Übernahme: Wie offene Kommunikation Unsicherheit in Motivation verwandelt

➡️ Drei Übernahmen, drei völlig unterschiedliche Übergaben: Was jede über Menschen und Vertrauen lehrt

➡️ Die Nachfolgelücke im Mittelstand: Warum mehr als 200.000 Unternehmen gerade auf einen Nachfolger warten

200.000 Unternehmen. Und keiner will sie haben?


Laut KfW Nachfolge-Monitor suchen aktuell mehr als 200.000 mittelständische Unternehmen in Deutschland eine Nachfolge. Unternehmen, die Kriege überlebt haben, Wirtschaftskrisen getrotzt haben, Generationen von Familien ernährt haben. Und jetzt? Stehen sie da, weil die Kinder keine Lust haben, weil die Eigentümer müde sind und weil der Weg zur externen Nachfolge für die meisten schlicht zu unbekannt wirkt.

Vincent Lowag hat diesen Weg gegangen. Ohne Familienband. Ohne Millionen auf dem Konto. Ohne auch nur eine einzige BWL-Vorlesung. Er hat einfach eine Plattform aufgerufen, eine Firma gefunden, angerufen und sich mit den Eigentümern zusammengesetzt.

Und dann ging es so seinen Weg.

Eine Plattform. Ein Anruf. Eine Firma.


Es klingt fast zu einfach. Vincent und ein Schulkollege surfen auf der IHK Next Change Plattform, sehen eine Firma im Siegerland, rufen an. Eine Woche später sitzen sie mit vier Geschäftsführern am Tisch. Kein Berater, kein Anwalt, kein Konzept. Nur zwei junge Männer, die schlicht Bock auf Selbstständigkeit haben.

„Wir hatten ja gar keine Ahnung davon. So ehrlich muss man ja sein. Wir haben so was noch nie gemacht, auch aus der Familie raus, gar keine Berührungspunkte dazu. Wir sind einfach hingefahren und haben uns mit denen unterhalten.“

Vincent Lowag

Was folgt, ist kein Lehrbuchprozess. Es ist ein zutiefst menschlicher Prozess. Die Verkäuferinnen, zwei Schwestern, die nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters ins Unternehmen gefallen sind und irgendwann einfach nicht mehr können. Eine wirtschaftlich schwierige Situation. Und zwei Käufer, die noch nie eine Due Diligence gemacht haben und trotzdem sagen: Wir machen das.

Finanzierung ohne Millionen: Wie es trotzdem funktioniert


Der erste Gedanke vieler, die über Unternehmenskauf nachdenken, ist derselbe: Woher kommt das Geld? Vincent hat eine klare Antwort: Man baut es sich zusammen. Businessplan, Bürgschaftsbank, Verkäuferdarlehen, ein kleiner Eigenkapitalanteil. Kein Geheimrezept, aber ein Weg.

„Es ist auf jeden Fall ein Millionenbetrag und den haben wir halt nicht am Konto, leider. Schön wär's gewesen.“

Vincent Lowag

Der Businessplan geht über 30 Seiten. Geschrieben abends und am Wochenende, neben dem regulären Job. Die Bank schaut sich alles an, nickt und sagt: Schauen wir mal, wie wir es machen können. Und dann funktioniert es.

Was Vincent dabei besonders betont: Das Verkäuferdarlehen war ein entscheidender Faktor. Denn wenn der alte Eigentümer selbst Geld in den Deal gibt, signalisiert das der Bank: Dieser Mensch glaubt wirklich ans Unternehmen. Und das öffnet Türen.

Naivität ist keine Schwäche. Sie ist manchmal der einzige Weg.


Markus Lievenbrück stellt im Gespräch eine entscheidende Frage: War es vielleicht ein Vorteil, dass ihr damals noch so wenig wusstet? Vincent antwortet ohne Zögern:

„Ja, zu 100 Prozent. Ich glaube schon, dass unsere Naivität uns da auch ein bisschen geholfen hat. Wir sind halt einfach und haben gedacht, wird schon irgendwie funktionieren. Mit Sicherheit hätten viele andere gesagt, ihr seid völlig verrückt.“

Kein erfahrener M&A-Berater hätte zu diesem ersten Deal geraten. Zu viele Risiken, zu wenig Eigenkapital, zu wenig Erfahrung. Und genau deshalb hat er funktioniert. Weil Vincent und seine Partner nicht wussten, was angeblich nicht geht. Also haben sie es einfach gemacht.

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Wenn das Telefon zweimal die Woche klingelt


Nach der ersten Übernahme verbreitet sich die Geschichte schnell. Drei junge Männer kaufen Firmen auf. Plötzlich klingelt das Telefon. Zweimal die Woche. Immer neue Angebote. Ein Steuerberater vermittelt die zweite Firma in Verdol. Ein Außendienstler für 3D-Drucker bringt die dritte in Wermelskirchen ins Spiel.

Was Vincent dabei beobachtet, macht nachdenklich.

„Es beängstigt mich ehrlich gesagt auch wirklich selbst. Die machen alle ähnliche Arbeiten wie wir. Das sind Metallverarbeiter und gerade die älteren Leute haben erst mal keinen Bock mehr. Die sind wirklich frustriert. Und einfach müde.“

Vincent Lowag

Die familiäre Nachfolge fehlt. Die Kinder sehen, wie der Vater 24/7 arbeitet, Samstags, Sonntags, und wollen das nicht. Das ist keine Kritik. Das ist Realität. Und sie hinterlässt eine Lücke, die jemand füllen muss.

Drei Übernahmen. Drei völlig unterschiedliche Übergaben.


Was Vincent in dieser Folge besonders deutlich macht: Jede Übernahme ist ein eigenes menschliches Drama. Bei der ersten verschwindet die Verkäuferin zwei Wochen nach der Übergabe, weil sie es emotional nicht schafft, zuzusehen, wie das Unternehmen ihres Vaters unter neuer Führung weiterläuft. Bei der zweiten gibt es einen klaren Plan, drei Monate Übergabe, dann Abschied und Reisen. Seitdem hat Vincent die Verkäufer nie wiedergesehen.

Und dann ist da Klaus Stöcker in Wermelskirchen. Der Mann, der fünf oder sechs Stunden mit Vincent und seinen Partnern an einem Stehtisch in der Mitte seiner Fabrikhalle steht, Kaffee trinkt, Zigaretten raucht und redet. Und am Ende sagt:

„Entweder ihr oder gefühlt keiner.“

Klaus Stöcker, zitiert von Vincent Lowag

Stöcker ist bis heute als Berater im Unternehmen tätig. Weil sein Know-how zu wertvoll ist, um es einfach gehen zu lassen. Und weil Vertrauen manchmal stärker ist als jeder Vertrag.

Key takeaways


  • Einfach anfangen schlägt perfekt planen. Wer auf den richtigen Moment wartet, wartet oft zu lang. Vincents erste Übernahme wäre an zu viel Analyse gescheitert. Sie ist an zu wenig Zögern gelungen.
  • Externe Nachfolge ist lernbar. Kein Studium, keine Erfahrung, kein Familienband nötig. Was zählt, ist der Wille, hinzufahren, zuzuhören und anzufangen.
  • Vertrauen schlägt Businessplan. Klaus Stöcker hat seine Firma nicht an den Meistbietenden übergeben, sondern an die Menschen, denen er vertraut hat. Das ist kein Einzelfall, das ist das Prinzip hinter jeder guten Übergabe.
  • Mitarbeitende wollen Perspektive, keine Perfektion. Was die Belegschaft bei einer Übernahme braucht, ist nicht ein perfekter Plan, sondern das Gefühl, dass es weitergeht und dass jemand das Steuer hält.
  • Unterschiedliche Stärken machen Teams resilient. IT-Berater, Werkzeugmechaniker, Industriemechaniker. Drei sehr verschiedene Hintergründe, die sich perfekt ergänzen. Was einer nicht kann, kann ein anderer.
  • Wissen teilen ist kein Verlust, sondern Gewinn. Vincent und seine Partner sprechen offen darüber, wie sie vorgehen, weil sie wissen: Je mehr Menschen den Mut zur externen Nachfolge fassen, desto besser für den Standort Deutschland.

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